Samstag, 31. Juli 2010

Der Todestunnel

Sarah steht am Tunneleingang inmitten eines Blumenmeeres und weint hemmungslos. Unbeholfen versucht Jan, sie zu trösten. Die Schatten aus dem Tunnel werden länger und zerfließen in den Abend. Irgendwo klingelt ein Handy. Langsam wird es dunkel. Aber Sarah bewegt sich nicht. Hier starb ihr Freund Ben an einer Milzruptur, wie der Arzt später feststellte. Ben wurde von Menschen zerquetscht. Eine Masse von Menschen in Panik. Ben fiel zu Boden und andere trampelten über ihn hinweg. Der schmale junge Mann mit den hellen Augen und dem flinken Mund hatte keine Chance.

Ben hatte sich so auf die Duisburger Loveparade gefreut. Vor allem nachdem 'ein paar alte Knackis', wie er sich ausdrückte, die geplante Veranstaltung letztes Jahr in Bochum kurzfristig abgesagt hatten. Schnell hatte er Sarah überredet mitzukommen. Nur Jan wollte nicht. Eine Demonstration für die Liebe sei diese Veranstaltung ja wohl schon lange nicht mehr. Nur noch Saufen und Drogen, Geldmacherei halt. "Du bist richtig borniert geworden", hatte Ben ihm geantwortet und war gegangen.

Was redete ihr gemeinsamer Freund nur für einen altklugen Scheiß daher, grübelte Sarah, seit er bei der Polizei angeheuert hatte? Das fragten sich Ben und Sarah schon lange. Jan nervte sie beide, aber Sarah nervte er noch ein bisschen mehr. Warum? Nachdem ihr Ärger über seine Borniertheit abgeklungen war, versuchte sie, sich über ihre Gefühle für Jan klar zu werden. 'Mein Bärchen' nannte sie den großen Kerl manchmal, aber nur wenn Ben nicht in der Nähe war. Das hatte ihre Oma immer zu Opa gesagt. Und die kleine Sarah hatte das so lustig gefunden, dass sie ihren Teddybären einfach 'Bärchen' genannt hatte. Denn ihren Opa hatte sie über alles geliebt. Nein, borniert war Jan sicher nicht. Manchmal langweilte er sie mit seiner Begeisterung für den Sport. Jan war mit Leidenschaft Leichtathlet, ein sehr guter Zehnkämpfer. An Ben mochte sie den Humor. Für Alles und Jedes hatte er einen Spruch parat. Ben schien immer lustig zu sein. Und er liebte die Musik. Überhaupt, die Musik verband sie alle drei. Sie waren drei Freunde. Kumpel könnte mach auch sagen. Sie beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken.

Und dann war Jan doch mitgekommen, wegen der Musik, wie er sagte. Er freute sich ehrlich auf die DJs. Schon auf dem Weg zum Veranstaltungsgelände war das Gedränge fürchterlich. Das war nicht ihre erste Party. Sie hatten ja schon einiges erlebt, aber so etwas noch nicht. Die drei Mädchen vor ihnen hatten sich Engelsflügel auf den Rücken geschnallt, die alle schon ziemlich ramponiert waren und traurig herunterhingen. Eine Gruppe Raver neben ihnen schien sich schon heftig mit Pep und Ketamin eingedeckt zu haben. Schon wieder ging es nicht weiter. Es war ein ständiges Stop and Go. Und dann war Jan weg. Ganz plötzlich. Mein Bärchen ist weg, dachte Sarah noch und zum ersten Mal an diesem Spätnachmittag bekam sie so etwas wie Angst. Aber Ben ging direkt neben ihr und der war bester Laune. Schnell ließ sie sich wieder von den Druckwellen der Bässe hinweg tragen.

Im Tunnel ging das Chaos dann richtig los. Trillerpfeifen, Geschrei, Gedränge. Und plötzlich war auch Ben weg. In diesem künstlichen Licht konnte sie nichts mehr erkennen. Zum ersten Mal in ihrem Leben bekam Sarah richtig Angst, Todesangst. Sie hatte Mühe Luft zu bekommen, so drückten die Menschen um sie herum. Nur raus hier, war ihr einziger Gedanke. Raus aus diesem Tunnel. Menschen fielen hin, trampelten übereinander, drängten vorwärts. Dann sah Sarah die Steintreppe. Sie musste unbedingt dorthin. Zentimeter um Zentimeter gelang es ihr auch, in diese Richtung zu kommen. Das beruhigte sie etwas. Doch langsam erkannte sie, dass der Winkel nicht stimmte. Sie kam den Stufen zwar näher, aber zu weit hinten an der Treppe, dort, wo sie schon viel zu hoch war, um nach oben zu klettern.

Ihr Magen fing an zu rebellieren. Plötzlich hörte sie ihren Namen. Dann noch einmal, laut und deutlich. Sie schaute nach oben. Es war Jan. Da oben stand Jan und versuchte sie heftig gestikulierend an einen bestimmten Punkt der Treppe zu lotsen. Ihr Herz begann heftig zu pochen. Jetzt wird alles gut, schoss es ihr durch den Kopf. Aber noch war sie hier nicht raus. Doch ihr Gehirn arbeitete wieder etwas besser. Jan war auf die Außenseite des Geländers geklettert. Mit der linken Hand hielt er sich selbst fest, die rechte streckte er Sarah entgegen. Es dauerte noch einmal lange fünf Minuten, bis sie so weit herangekommen war, um mit ihrer linken Hand richtig zufassen zu können.

Dann schwebte sie nach oben, als würde sie an einem Hubschrauber hängen. Jan warf sich das Mädchen über die Schultern wie einen nassen Sack und kletterte bis zum Bahndamm hoch. Dort setzte er Sarah ab und drückte ihr eine halbvolle Wasserflasche in die Hände. 'Alles OK?' hörte sie ihn fragen. Heftig nickte sie mit dem Kopf. Ihre Schultern zuckten, aber weinen konnte sie noch immer nicht. 'Ich muss wieder zur Treppe.' hörte Sarah ihn sagen. Zärtlich legte Jan seinen Arm um sie, strich ihr mit der anderen Hand über das schweißnasse, zerzauste Haar und sagte noch einmal 'Alles OK'. Diesmal war Trost und Bestimmtheit in den Worten. Dann war er weg.

In ihrem Kopf hört Sarah eine Stimme: 'So nah kann Angst und Glück zusammen liegen.' Sie atmet tief ein und schaut auf das endlose Blumenmeer. Ganz leicht legt Jan seine Hand auf ihren Unterarm. "Wir sollten nach Hause gehen", sagt er.


Jorge D.R.

(Bemerkung: Die Geschichte ist frei erfunden. Ich habe auf diese Art versucht, das Geschehene aufzuarbeiten.)

Kommentare:

  1. In den Blogs haben viele schon Wochen vorher gesagt, dass es nicht gut gehen kann - die zu erwartende Menschenmenge wäre viel zu groß für dieses Gelände.
    Mich würde interessieren, wer wegen dieser Aussagen dann vielleicht doch zuhause geblieben ist.

    Liebe Grüße
    Barbara

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  2. Manchmal kann man Dinge erst dann verarbeiten, wenn man über sie schreibt.
    Eine einfühlsame Momentaufnahme dieses furchtbaren Unglückes, dessen Ausmaße wir nur erahnen können.

    Mit Gruß
    Anna-Lena

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  3. oh maaan Jorge......
    du hast vollkommen recht...man sollte nicht schweigen über diese Ereignisse, selbst wenn man in der Sommerpause ist
    Danke für deine Geschichte

    mein Mitgefühl gilt allen Opfern und deren Angehörigen

    Sterntalerchen

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  4. Hallo Jorge, ich kenne ja deine Geschichten von Donnas Schreibprojekt her. Auch da war die eine sehr realitätsnah, als die Frau mit dem Suchhund verschüttet war (oder so ähnlich). Doch bei dieser Geschichte wünscht jeder, es hätte keinen Anlass gegeben, sie zu schreiben.
    Danke fürs Erinnern!
    Mit Gruß von Clara

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  5. hallo jorge,
    duch einen zufall bin ich auf deinen blog gestossen.
    ich wohne im süden der republik, aber durch das erzählen deiner geschichte hatte ich das gefühl diese sarah, ben und jan zu kennen.
    sicher ein einzelschicksal, aber du hast tolle worte gefunden.
    ich wünsche allen familien, angehörigen und freunden dieser 21 jungen menschen viel kraft diesen verlust zu verarbeiten und den verletzten gute besserung

    liebe grüsse christa

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  6. Eine Tragödie sondergleichen. Dass du sie in Worte gefasst hast, macht sie nicht ungeschehen, aber vielleicht findet die Trauer so ein wenig Durchkommen und Boden.

    Liebe Grüsse,
    Brigitte

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  7. Unerträglich schlimm muß es gewesen sein.
    Unvorstellbar, auf diese Art aus dem Leben zu gehen.

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