Mittwoch, 10. August 2011

Der etwas andere Reisebericht

 Isabella Kramer: weites land III


Weites Land
(Notizen zu einem Bild)


Lake of the woods,
See der Wälder.
Der kanadische Schild,
eine uralte Landschaft.
Nackte, runde Felsen mit
karger Erde dazwischen,
gesprenkelt mit grünen
oder blauen Seen.
Ab und zu ein Haus,
ein verfallener Bretterzaun.
Das Land, wo der Adler fliegt.
Immer noch Ontario,
immer noch Kanada.
Seit vielen Tagen
das gleiche Land.
Der Regen hat aufgehört.
Wolkenfetzen steigen
aus einem weiten Land.

Wenn du in Manitoba einfährst,
beginnt die Prärie.
Du siehst zuerst die Brücken,
dann die Flüsse.
Eine Million Sterne in der Nacht.
Das Lächeln des Mondes.
Wie könntest du schlafen?
Du zählst die Pfosten des Viehzaunes,
dann nur noch die Strommasten.
Das geht leichter.
Noch zweitausend Kilometer
bis zu den Rocky Mountains.
Du fährst einen Tag.
Immer gerade aus.
Deine Gedanken kreisen
um ein weites Land.

Stunde um Stunde
der gleiche Zaun,
die gleichen Masten.
Du hast aufgehört zu zählen.
Dann fährst du wieder einen Tag.
Dein Blickwinkel beträgt 360 Grad.
Einen ganzen Tag lang,
weil du in Saskatchewan bist.
Zwischen Himmel und Erde
fährt die Eisenbahn.
Du zählst und zählst.
Einhundertsiebenundfünfzig Wagen,
fast zwei Kilometer lang der Zug.
Langsam fährt er
in ein weites Land.


In Alberta beginnen die Foothills.
Die Landschaft wird hügeliger.
Am dritten Tag brichst du früh auf.
Die Luft ist klar, die Konturen scharf.
Du kommst über den ersten Kamm,
da siehst du die Berge.
Weit im Westen.
Etwa dreihundert Kilometer liegen
zwischen dir und den Rockies.
Von den weißen Gipfeln
fließt die Morgensonne.
Ein weites Land.

Viele, viele Fotos
hast du gemacht,
aus Angst vor dem Vergessen.
Doch dein Auge verweilt
bei diesem einen,
bei diesem gemalten Bild.
Endlich kehrt Ruhe ein
und du erkennst:
Man muss nicht alle Wege fahren.
Bei manchen reicht es,
wenn man sie träumt.


Jorge D.R.


Vielen Dank Isabella, dass ich das Bild hier zeigen darf.
Wer mehr von dieser Künstlerin sehen möchte, klicke hier    VEREDIT - ART.

Kommentare:

  1. wie sehr danke ich DIR erst, dass ich mitreisen durfte in dieser grandiosen Landschaft, die du durch deine Worte so intensiv malst, dass es wahrlich keinerlei Bildes bedarf ... intensiv und sehr herznah dein wundervoller Reisetext

    viel Gelegenheit zum Träumen

    in Verbundenheit - isabella

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  2. Feine Notizen zu dem Bild!
    Sie spannen einen schönen Bogen bis zur Ruhe und Erkenntnis.

    ..grüßt dich Monika

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  3. Bin zum Gegenbesuch da...danke fuer diesen schoenen malerischen Bericht.
    LG aus dem Osten,
    Sue

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  4. Das ist eine so herrliche Hommage an ein Land in all seiner Weite, Schönheit und Poesie!

    Das ist eine geschriebene Melodie!

    Liebe Grüsse in Nacht und Tag,
    Brigitte

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  5. lieber Jorge,

    so denken und schreiben ja-, leben und er-leben POETEN unsere Welt .. LG Ursa

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  6. Lake of the Woods,Erinnerungen an einen Urlaub in eine unvergessliche Landschaft. Besser kann man die Eindrücke einer Kanadareise nicht beschreiben...
    Obwohl ich schon in den 80zigern in Manitoba und Lake of the Woods war sind diese Bilder immer noch in meinem Kopf.
    Herzlichst Monré

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  7. Stimmt, lieber Jorge, dein letzter Satz: "Bei manchen reicht es, wenn man sie träumt." Er ist für mich zutreffend, weil ich diese schöne Reise nur erträumen kann und du hast sie so genau beschrieben, dass ich mich mitten drin befand.
    Es gibt Wünsche, und Kanada war immer einer davon, die nie in Erfüllung gehen. Ich träume mich einfach hin.
    Liebe Grüße
    Gerti

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  8. Das klingt wundervoll poetisch, obwohl es doch eine riesige, unendliche Eintönigkeit zu sein scheint. Ich stelle es mir schrecklich vor, immer nur geradeaus fahren zu müssen.
    Liebe Grüße,
    Ingrid

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  9. Lieber Jorge, ein wunderbar atmosphärischer Reisebericht, der die schier unendliche Weite, Einsamkeit und scheinbare Gleichförmigkeit der Landschaft Kanadas beschreibt. Ich hatte vor einigen Jahren die grosse Freude und das Vergnügen von Toronto aus tagelang geradeaus gen Westen fahren zu können. Bis heute weiss ich noch, wie es war, die großen Städte hinter sich zu lassen und immer weiter in spärlich besiedeltes Terrain hinein zu gelangen. Man erfährt, im wahrsten Sinne des Wortes, wie klein der Mensch doch ist im Angesicht der grandiosen Natur.
    KG von Rosie

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  10. vielen Dank für diesen poetischen Reisebericht

    hab mitgeträumt

    alles liebe und eine Hand voll Sternenstaub

    Sterntalerchen

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  11. sich mutig einlassen auf braune Landschaften und ebensolche Stimmungen - das hat etwas Besonderes und gehört ins Leben.

    Liebe Grüße
    Barbara

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