Samstag, 16. Januar 2010

Die letzte Geschichte aus Kanada

Gerettet im Nordpolarmeer

Ein richtiges Januargefühl wollte sich nicht einstellen.
Keine Aufbruchstimmung, die sonst immer aufkam, wenn wieder ein neues Jahr begann. Jimmy Nakoolak brütete dumpf vor sich hin. Seit dem tragischen Unfall im letzten Jahr war seine Frau Nachodka noch schweigsamer geworden. Der Sohn war sofort tot gewesen, die Schwiegertochter schwer verletzt. Für sie hatten sie noch eine Woche gebangt und gehofft. Aber dann war klar, dass der Junge ohne Eltern weiterleben musste. Und so kümmerten er und seine Frau sich um den Heranwachsenden, so gut sie es eben konnten. Für Nachodka waren die ersten Wochen wie eine Art Aufputschmittel gewesen. Geschäftig war sie im Haus auf und ab gelaufen, hatte Angootealuk ummuttert und ihm, Jimmy, alle möglichen Fragen gestellt. Ob er dies schon gemacht hätte und an jenes gedacht habe. Geduldig war er auf alle ihre Sorgen eingegangen. Aber das hatte nichts genutzt. Inzwischen waren ihre Depressionen schlimmer als vorher. Der Junge hingegen schien die Sache, soweit er das beurteilen konnte, ganz gut verarbeitet zu haben. Angootealuk war zwei Wochen vor dem Unfall sechzehn geworden und eigentlich inzwischen wieder so lebendig und aufgeweckt wie immer.

Ständige redete Angootealuk auf ihn ein, während der eisige Fahrtwind ihnen ins Gesicht blies. Immer wieder hatte der uralte Motorschlitten Aussetzer. Dann hieß es runter vom Sitz, Werkzeug raus und an die Arbeit. Obwohl er im Schlaf wusste, an welchen Schrauben er drehen musste, war das Hantieren bei minus 22 Grad mit den klobigen Fäustlingen doch recht mühselig. Das Geräusch, welches sie diesmal zum Halten zwang, klang hässlich. Der Motor lief zwar noch, aber das Knirschen und Schlagen aus dem Getriebe klang wie eine Ouvertüre für kommendes Unheil. Und genau so kam es. Nach weiteren 100 Metern war Schluss. Nichts rührte sich mehr. Der alte Motorschlitten hatte endgültig seinen Geist aufgegeben. Jetzt war guter Rat teuer. Nachodka war sehr dagegen gewesen, dass er bei diesem stürmischen Wetter mit dem Jungen zu einem Jagdausflug aufgebrochen war. Aber der Fleischvorrat ging zur Neige. Und was sie vorhatten, war für ihn jahrzehntelange Routine. Dass er demnächst zweiundsiebzig Lenze zählen würde, hatte er verdrängt. Im Gegenteil, es hatte ihn geärgert, dass seine Frau auch noch mit diesem Argument kam, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Wenigsten hatte Angootealuk sich riesig gefreut, als es endlich losging. Auch jetzt zeigte der Junge keine Spur von Sorge oder gar Angst, obwohl ihre Situation, wie er sich eingestehen musste, prekär war. Zwar befanden sie sich nur etwa 18 km von der kleinen Gemeinde Coral Harbour am Rande des Nordpolarmeeres entfernt, die seit fast zwanzig Jahren ihre neue Heimat war. Aber zu Fuß bei diesen Temperaturen und eisigem Nordwind waren das achtzehn lange Kilometer. Doch sie hatten keine andere Wahl. Im Gegenteil, Eile war angesagt. Die Dämmerung brach früh herein in dieser nördlichen Breite. Er verstaute den kleinen Tagesproviant in seinem Rucksack und schulterte das schwere Jagdgewehr. Angootealuk hatte zum sechzehnten Geburtstag sein eigenes Gewehr bekommen. Er konnte schon recht gut mit ihm umgehen. Auch er hatte sich die Waffe über die Schulter gehängt. Jimmy hatte beschlossen, die Abkürzung über das Eis zu nehmen, obwohl ihm dieser Entschluss etwas Bauchschmerzen bereitet hatte. Er betete inständig, dass der Sturm schwächer werden möge. Doch genau das Gegenteil trat ein. Der Wind entwickelte sich immer mehr zu einem Blizzard, diesem eisigen, gefürchteten Schneesturm aus dem kanadischen Norden. Dies war ein weites, offenes, endloses Land, indem der Sturm so richtig Anlauf nehmen konnte, ohne dass er von irgendeiner Bergkette gebremst worden wäre.

Angootealuk war seinem Großvater weit voraus. Er wusste, dass dieser nicht mehr so richtig gesund war. Die Hustenanfälle des Großvaters schienen manchmal überhaupt kein Ende zu nehmen. Und klar wusste er, dass sich Granny Sorgen machte. Aber Granny machte sich immer Sorgen - um Großvater, um ihn, um überhaupt alles. Und so war Angootealuk nicht bange. Er kannte die Richtung, in der ihr Dorf lag. Und im Dorf gab es Hilfe. Das beruhigte ihn. Joe war zu Hause und mit ihm sein Huskygespann, mit dem Joe sonst Wochen lang unterwegs war. All diese Gedanken trieben den Jungen vorwärts. Was ihm nicht gefiel, waren die Laute, die inzwischen außer dem Toben des Sturmes noch an sein Ohr drangen. Die Laute, die von unten kamen und sich auf seinen ganzen Körper übertrugen. Das Eis war in Bewegung. Das Eis stöhnte und ächzte unter ihm. Und was das bedeutete, wusste er, seit er denken konnte. Und dann geschah es. Zunächst ein grollendes Donnern, dann ein Knirschen und Krachen, welches von überall her zu kommen schien. Da war ihm klar: Das Eis war gebrochen! Und weil diese rollende Bewegung nicht mehr aufhörte, wusste er, dass er auf einer Eisscholle trieb. Hinaus aufs Nordpolarmeer, denn der Wind kam von Land. Weiterlaufen war sinnlos. Er hatte die Richtung verloren. Zu seiner Überraschung verlor der Sturm aber immer mehr an Gewalt. Inzwischen hatte es auch aufgehört zu schneien. Jetzt konnte er sich wenigstens wieder an der sehr tief stehenden Sonne orientieren. Das gab ihm wieder Hoffnung. Es musste früher Nachmittag sein und es musste eine gewaltige Platte sein, auf der er sich da befand. Aber das er auf einer Eisscholle trieb, das spürte er in seinem Bauch.

Und dann sah er, dass er nicht allein war. Drei Eisbären tummelten sich in etwa zweihundert Meter Entfernung Richtung Südost. Hastig riss er sein Gewehr von der Schulter und ging in die Hocke. Aber nirgendwo war irgend ein Schutz, wo er sich hätte verstecken können. Sie mussten ihn bereits wahr genommen haben. Denn der große von den dreien kam jetzt langsam, aber stetig auf ihn zu. Angootealuk erhob sich wieder. Der Bär hielt nur kurz inne, dann kam er weiter direkt auf ihn zu. Angootealuk brachte das Gewehr in Anschlag. Die schwere Waffe zitterte. Die Distanz war noch viel zu groß für einen erfolgreichen Schuss. Er versuchte sich zu beruhigen. Gott sei Dank hatte er die Waffe bei sich. Und Großvater hatte ihm alles genau erklärt. Aber einen Polarbär hatte Angootealuk noch nie geschossen. Er wusste, dass nur ein Schuss in den Kopf das Tier sofort stoppen konnte. Und er wusste, dass er dazu den Bären noch näher an sich heran lassen musste. Und dann ging alles sehr schnell. Der Bär beschleunigte rasant. Angootealuk legte die Waffe an, atmete mehrfach kurz ein, lies die Luft ganz langsam aus seiner Lunge und schoss. Das gewaltige Tier überschlug sich. Das Eis färbte sich rot. Es war sehr still.

Angootealuk sank wieder in die Knie. Sein ganze rechte Gesichtshälfte tat höllisch weh. Er hatte nicht daran gedacht, den Rückstoß der schweren Waffe abzufangen, so wie Großvater es ihm beigebracht hatte. Und so hatte diese im mit voller Wucht gegen den Kiefer geschlagen. Dann fiel sein Blick auf das leblos vor ihm liegende Tier und das Gefühl in der Bauchgegend änderte sich erneut. Er war so froh, dass er am Leben war. Die Sonne war mittlerweile am Horizont verschwunden. Er hatte sie voll im Rücken gehabt. Das war Glück für ihn. Die beiden kleineren Bären waren nicht näher gekommen. Das konnte er eindeutig erkennen. Aber jetzt kam die Nacht. Und mit der Nacht kam die Kälte. Außerdem rebellierte sein Magen inzwischen. Seit dem zeitigen Frühstück hatte er nichts mehr gegessen. Und Großvater hatte den Proviant in seinem kleinen Rucksack. Was sollte er nur tun?

Doch wieder kam die Antwort überraschend. Er hörte Motorengeräusch. Es war eindeutig ein Flugzeug. Dann sah er die Maschine näher kommen. Wild gestikulierte er mit den Armen. Der rote Fleck auf dem Eis musste weithin sichtbar sein. Das machte ihm Hoffnung. Er kannte diese Art von Flugzeug. Das waren die Jungs von der nahen Air Force Base. Männer, die die Wildnis so gut kannten wie sein Großvater. Und die besten Piloten der Welt waren sie sowieso. Sein Herz schlug wie verrückt. Dann donnerte die Maschine über ihn hinweg. Sein Herz blieb stehen. Sie waren so tief gewesen. Sie mussten ihn einfach gesehen haben. Und da kamen sie wieder! So tief, als wollten sie zur Landung ansetzen. Im Grunde wusste er, dass das unmöglich war, denn es war schon fast dunkel. Unwillkürlich duckte er sich, als die Maschine nur wenige Meter über dem Boden über ihn hinwegdonnerte. Dann sah er das kleine Päckchen zu Boden trudeln. Schnell hatte er es erreicht. Sie hatten Proviant abgeworfen. Gierig verschlang er die Sachen. Langsam wurde ihm klar, dass er die Nacht mit dem toten Bär allein auf dem Eis verbringen musste. Er überlegte. Um eine Polarnacht jetzt im Januar bei minus 30°C zu überstehen, war er nicht warm genug angezogen. Immerhin ging von seinem Bauch jetzt ein wohliges Gefühl aus. Dann kam ihm eine Idee. Er kauerte sich zwischen die Tatzen des Eisbären und drückte seinen Rücken gegen den warmen Bauch des Tieres. Jetzt wahr es angenehmer. Bloß nicht einschlafen dachte er, als die Dunkelheit da war. Es war nicht wirklich finster. Die Nordlichter tanzten am Himmel. Er versuchte, sich die Bilder zu merken, indem er ihnen Gestalten zuordnete, von denen Großmutter immer erzählt hatte. Das hielt ihn wach. Bloß nicht einschlafen, dachte er immer wieder ...

Für die Leser des 'Toronto Star' las sich diese Geschichte zwei Tage später so:
"Ein junger Kanadier wurde gestern im kanadischen Norden gerettet, nachdem er über einen Tag bei eisigen Temperaturen auf einer Eisscholle überlebt hatte. Der 17-jährige Teenager wurde von einem Eisbären angegriffen und war gezwungen zu schießen und ihn zu töten. Der junge Mann und sein Onkel wurden am späten Samstagabend als vermisst gemeldet. Ihr Motorschlitten war 18 km von der kleinen Gemeinde Coral Harbour entfernt mit einem Schaden liegen geblieben. Auf dem Rückweg brach das Eis und der junge Mann wurde auf einer großen Eisscholle abgetrieben. Der Onkel wurde am Sonntagmorgen von Rettungskräften geborgen. Irgendwann am Sonntagnachmittag stieß der Junge auf drei Eisbären, wahrscheinlich ein Weibchen mit zwei älteren Jungen, die sich auf der gleichen riesigen Eisscholle aufhielten. Als der große Bär auf ihn zukam, erschoss er ihn. Die beiden kleineren kamen nicht näher. Ein Suchflugzeug der Canadian Forces ortete den Mann und konnte sogar Proviant abwerfen. Durch die hereinbrechende Nacht ging die Spur wieder verloren. Erst am Montagvormittag sprangen zwei Mann mit dem Fallschirm ab und landeten auf einer benachbarten, größeren Eisscholle. Der junge Mann hatte mehrere Stunden bei -25°C in der Hocke gekauert, war unterkühlt, hatte ein paar Frostbeulen, war aber sonst in guter Verfassung. Eine Stunde später wurden alle in ein Boot aufgenommen, das inzwischen einen Weg durch das Eis gefunden hatte."


Jorge D.R.

Kommentare:

  1. Oh, das hast Du aber sehr spannend umgesetzt. Kam mir gleich so bekannt vor, denn die Meldung hatte ich auch gelesen.
    Sehr gut geschrieben, hat mir gut gefallen!
    Liebe Grüße, Petra

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  2. Eine richtige Abenteuergeschichte, herrlich anschaulich geschrieben. Toll!

    Liebe Grüsse nach Kanada,
    Brigitte

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  3. Supertoll, was du aus dieser Zeitungsmeldung gemacht hast, eine großartige Abenteuergeschichte. Du solltest Abenteurbücher schreiben!

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  4. Eine Geschichte die sich spannend liest, die man aber nie erleben möchte.

    Der Grossvater wird wohl nach der Rettung noch einiges an "Unwetter" über sich ergehen lassen müssen.

    Ganz toll geschrieben

    Liebe Grüsse
    Brigitte

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  5. Wirklich, ne richtig spannende Geschichte.
    Und dann auch noch eine mit wahrem Hintergrund.

    Toll gemacht. Vielen Dank.

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  6. Ja, Jorge, ich glaube, du hast dein Genre gefunden - Abenteuerromane solltest du schreiben!

    Superspannend und mitreißend geschrieben - große Januargefühle!!! Danke!

    Liebe Grüße nach Kanada - Donna

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  7. das ist aber sehr toll und wirklich spannend geschrieben...ich stimme Donnas Kommentar zu

    großes Lob lieber Jorge
    ich habs gerne erneut gelesen


    alles liebe Sterntalerchen

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  8. @all
    Danke für das Lob. Freut mich, dass euch die Geschichte gefallen hat. Zu eurer Anregung, doch Abenteuerbücher zu schreiben, möchte ich sagen: 'Der arme Poet' von Carl Spitzweg hängt schon lange in meinem Schreibzimmer. Zwar nicht zur Warnung - aber ich bleibe realistisch ;-)

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  9. Was heißt realistisch bleiben? Man kann nie wissen, wie "erfolgreich" man sein kann als Autor, wenn man es nicht versucht. Oder man will gar keinen Erfolg, sondern einfach nur Geschichten erzählen (so wie ich z.B.). Glaube mir, es gibt so viele Menschen, die interessiert sind an solchen Geschichten, mit denen du damit eine Freude machst (so wie mir z.B.) Einfach Schreiben - die Fans sammeln sich von ganz alleine.
    Herzliche Grüße
    bigi

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  10. Du bist ein guter Erzähler. Beim Lesen der Geschichte habe ich alles bildhaft vor mir gesehen...sehr spannend ...
    Herzlichst Monré

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