Mittwoch, 13. Juni 2012

Begegnungen

Der alte Mann und der Baum

Wir lieben unseren Park, besonders jetzt im Frühsommer. Alles ist grün. Überall blüht es. Der kleine See glänzt in der Nachmittagssonne. Am Rande machen sich die Teichrosen breit und über dem offenen Wasser schießen die Vögel hin und her.


Langsam schlendern wir am Ufer entlang, nehmen die milde Abendluft in uns auf. Freuen uns, dass so viele Familien mit ihren Kindern unterwegs sind. Genießen es, endlich wieder zu Hause zu sein.

Bei all diesen Menschen, die auf uns zukommen, freundlich lächelnd oder laut grüßend, und langsam an uns vorüberbummeln, erkennen wir kein einziges Gesicht. Sind wir denn wirklich so lange weg gewesen?

Der Rosengarten war gerade fertig geworden, als wir abgereist sind, damals im Sommer. Jetzt steht an seinem Ende ein neues Café.

Die schmiedeeisernen Stühle auf der großen Terrasse gefallen uns. Ein etwas grelles Schild mit einer alten Bierdose in der oberen Ecke kündet vom besten Cappuccino der Stadt. Unsere Blicke begegnen sich und es ist wortlos klar, dass wir Platz nehmen.

"Was sich in einem Jahr so alles tut", wundere ich mich laut. Meine Frau stimmt mir zu. Wir bestellen zwei Cappuccino. "Ganz heiß, bitte", ergänze ich noch. Die Bedienung mit dem üppigen Oberbau grinst mich an. "Ganz heiß, der Herr", sagt sie und "Machen wir" fügt sie noch an. Das Lächeln meiner Frau ist das Lächeln einer Sphinx. "Was sich in den Jahren so alles tut", echot sie. Ich beschließe, diesen Ball nicht aufzunehmen.

Der Cappuccino ist wirklich heiß. Und er schmeckt ganz ausgezeichnet. Wir sprechen über das Morgen, über die nächsten Wochen, über die Zukunft. Machen Pläne. Versuchen uns wieder einzurichten. Gedanklich. Zu Hause.

Wir beschließen, um den See zu laufen. Das ist zwar weiter, als wir uns für heute vorgenommen haben, aber es ist ja noch früh am Tag. So können wir uns auch schon mental auf das Laufen vorbereiten, das wir gleich morgen beginnen wollen. Direkt am See, bei der alten Linde, befindet sich der Einstieg zu unserer Joggingstrecke, die wir gemeinsam fast zwei Jahre gelaufen sind.

Nach so langer Zeit fern der Heimat drängt es uns außerdem, all die vertrauten Plätze wiederzusehen. Nostalgische Gefühle haben im Moment ganz klar die Oberhand, und die treiben uns zu "unserer" alten Linde am anderen Ende des Sees. Von unserem derzeitigen Standort können wir den Baum nicht sehen, denn er ist durch ein kleines Wäldchen verdeckt.

Das Wäldchen ist wirklich nicht groß. Noch ein, zwei Wegbiegungen, dann liegt wieder das freie Feld vor uns. Aber was ist das? Oder besser gefragt: "Was ist das nicht?"

Der Baum ist nicht mehr da. Von hier aus war sie immer zu sehen, unsere Linde. Aber sie steht nicht mehr da, wo sie immer stand, wo sie zu stehen hat.

Neugier beschleunigt unseren Schritt. Beklommenheit schleicht sich in die Furchen der Seele. Schweigen macht sich breit.

Schließlich stehen wir an dem Ort. Wie hypnotisiert starren wir auf den Baumstumpf, der viele verschiedene Einschnitte aufweist. Ein Zeichen dafür, dass die Säge an dem gewaltigen Stamm offensichtlich immer wieder neu angesetzt werden musste. Ein paar Sägespäne im Moos, sonst zeugt nichts mehr von diesem Baum, der immer so groß auf uns gewirkt hatte, so ruhig und beschützend. Wir sind traurig.

Die alte Bank und der Gemarkungsstein sind noch da. Der Stein ist vom Moos befreit. Die Inschrift ist jetzt gut lesbar. Auch die Bank hat man renoviert. Die Betoneinfassungen links und rechts sind noch die gleichen, aber die dicken Bretter dazwischen sind neu.

Was ist hier bloß passiert, fragen wir uns immer wieder. Wir können es uns nicht vorstellen, denn die alte Linde war beliebt. Sie war der Treffpunkt für Verliebte. Hier fanden die Dorffeste statt, auch wenn der Baum ein paar Kilometer außerhalb der Siedlung stand.

Einmal ging direkt neben dem Stamm ein Auto in Flammen auf. Das konnte man tags drauf in der Zeitung lesen. Jemand aus dem Nachbardorf soll seinen Altwagen hier billig entsorgt haben aus Ärger darüber, dass er den Verschrottungszuschuß, den es damals gab, nicht bekommen hatte. Aber das stand nicht in der Zeitung.

"Erinnerst du dich noch an den alten Mann, der immer hier saß?", frage ich. "Du meinst Helmut?", antwortet meine Frau. "Richtig, Helmut hieß er."

Mit Helmut hatten wir vor unserem Lauf immer ein paar Worte gewechselt. Er war ein gebildeter Mann. Hatte für jede Situation, für jedes Thema, ein Zitat bereit. Immer spielte ein leicht spöttisches Lächeln um seine Lippen. Daran erinnern wir uns beide gut.

Über das Alter haben wir nie gesprochen. Nicht über seines, nicht über unseres. In der Erinnerung blieb uns beiden nur die Farbe Grau. Graue Haare, eine graue Wolljacke und mit Altersflecken übersäte Hände. "Irgendwo zwischen fünfundsechzig und achtzig" einigten wir uns nach kurzem Spekulieren über sein Alter.

"Ich glaube, dass er tot ist.", sagt meine Frau traurig. "Der Baum steht ja auch nicht mehr."

"Was ist das denn für eine komische Logik", sage ich viel lauter als beabsichtigt. Denn auch mir ist soeben genau dieser Gedanke gekommen.

"Frau Müller wird uns alles erzählen", versuche ich meine Frau zu trösten. Frau Müller ist unsere Nachbarin und weiß über Alles und Jedermann Bescheid.

Bedrückt machen wir uns auf den Heimweg. Unser Baum ist nicht mehr. Und Helmut ist tot.

"Was sich in einem Jahr so alles tut", versuche ich die Stille zu durchbrechen. Diesmal quittiert meine Frau den Spruch mit Schweigen.

Das Haus von Frau Müller kommt auf unserem Heimweg zuerst. Resolut, und für mich durchaus überraschend drückt meine Frau auf die Klingel. Die Dame mit der Adlernase und dem stechenden Blick steht sofort in der Türfüllung. Klar, sie hat uns kommen sehen.

Ihre Auskünfte sind umfassend und eindeutig. Der Orkan vor einem halben Jahr hat in der Gegend viele Schäden angerichtet, unter anderem zwei dicke Hauptäste dieser Linde richtiggehend abrasiert. Zwei Wochen später ist dann zu allem Unglück auch noch der Blitz in den Stamm gefahren. Schweren Herzens hatte der Gemeinderat beschlossen, die Überreste zu beseitigen.

Bei dem alten Mann ist sie sich nicht ganz sicher. Aber unsere Beschreibung würde zu einer Todesanzeige vor zirka einem Monat passen. Im Nachbardorf sei ein Mann gestorben, der Helmut geheißen habe. An den Namen und an den Mann selbst erinnere sie sich genau. Zu einem Gespräch sei es nie gekommen. Gesehen habe sie ihn aber schon ab und zu.

Fast sechs Wochen sind inzwischen ins Land gegangen. Am Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag parken wir unser Auto immer um die gleiche Zeit auf dem Platz, wo die Linde stand und beginnen unseren Lauf. In den ersten drei Wochen haben wir jedes Mal beim Einbiegen auf den Parkplatz die Bank fixiert, als könnten wir dadurch den alten Mann wieder hinzaubern. Das ist inzwischen vorbei. Mann und Baum sind vergessen.

Langsam fällt uns das Joggen wieder leichter. Ganz offensichtlich produziert unser Körper endlich die Endorphine, auf die wir gehofft haben. Die Stoffe, welche unsere Grundstimmung langsam wieder anheben.

Heute ist ein besonders schöner Tag. Auf der Fahrt zum Parkplatz läuft das Autoradio auf voller Lautstärke. Es dröhnt und plärrt wie sonst nur bei der Dorfjugend. Viel zu schnell nehmen wir die letzte Kurve. Und was sehen wir?

Nein nicht unseren Baum. Aber der alte Mann sitzt wieder da! Meine Frau springt förmlich aus dem Auto und gibt ihm einen dicken Kuss auf die Wange.

Fast im Gleichklang bricht es aus uns heraus: "Und wir dachten, sie sind gestorben."

"In meinem Alter wird man doch wohl mal zur Kur gehen dürfen", ist die lapidare Antwort. In seiner Stimme klingt ein wenig Vorwurf. Aber um seine Mundwinkel spielt dieses verschmitzte Lächeln, das uns sofort wieder vertraut ist.

Jorge D.R.

( Unter dem obigen Titel werde ich euch auch in Zukunft in loser Folge ein wenig von Menschen erzählen, auf die ich in der Literatur, der Musik, der Malerei, der Fotografie, beim Reisen, in den Weiten des Netzes oder im wirklichen Leben gestoßen bin. )

Kommentare:

  1. Mann, das war richtig spannend und berührend, lieber Jorge D.R.!
    Klasse die Aussage von M. im Café - das sitzt!;-)

    ..schickt Monika euch liebe Grüße rüber (derzeit ja noch nah...)

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  2. ach je.....in deiner Erzählung ist der wunderbare alte Baum wenigstens eines "natürlichen" Todes gestorben, zwar nicht weniger schlimm aber dennoch etwas tröstend.
    unsere Jahrhunderte alten Platanen, Blutbuchen, Linden usw, hat man aus Profitgier unter dem Deckmäntelchen " Fortschritt" massenweise hingeschlachtet.
    ein Frevel an der Natur und nicht wieder gutzumachen!

    dennoch habe ich deine erzählung gerne gelesen und war nachher auch richtig erleichtert als der alte Mann dann doch wieder auf der Bank saß.

    Danke für die schöne Geschichte
    ich wünsch euch was

    Sterntalerchen

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  3. Wie das Leben so spielt: Deine Erzählung ist ein bewegendes Stück Gegenwart, Jorge, anrührend, beklemmend, vielsagend und sehr authentisch. Mir gefällt sie ausnehmend gut, nicht nur wegen des Happy Ends.

    Liebe Grüsse an euch beide,
    Brigitte

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  4. Ein Jahr ist eine lange Zeit, die auf allen Seiten Veränderungen bringt. Aber die begonnene Entwurzelung habt ihr schnell wieder in den Griff bekommen und eure Wurzeln greifen wieder neu, fest und beständig.

    Schön, dass der alte Mann, wohl mit frischer Energie und Lebenskraft, wieder da ist.
    "Totgesagte leben länger :lol: ", fällt mir spontan dazu ein.

    Einen lieben Wochenendgruß für euch,
    Anna-Lena

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  5. schön zu lesen, deine geschichte, und der park, so ähnlich wie deinner beginnt bei uns gleich hinter dem haus.

    lg
    barbara

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  6. Hallo Jorge,
    wunderschön, kann den schönen Parkt fühlen...schmecken... mich darin sehr wohl fühlen...wunderschön geschrieben.
    Liebe Grüsse Margarete aus Nordafrika

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