Dienstag, 26. Oktober 2010

Die Begegnung

Apropos Bildung

Ich begegnete ihm vor dem Fahrstuhl. Er ist mein Nachbar (ich nenne ihn Karl Hammer). Einer von vielen in diesem großen Block. Er ist sechsundachtzig. Das habe ich ihn, forsch wie ich bin, ganz direkt gefragt. Immerhin, die Hälfte der Leute kenne ich jetzt, wo ich im fünften Jahr hier wohne. Ist das gut? Oder muss ich doch mehr aus mir herausgehen? Soll ich gezielt die Anderen ansprechen, die ich noch nicht kenne? Damit wir uns recht verstehen - sie grüßen mich, die Anderen. Manche nicken nur mit dem Kopf, andere lächeln sogar, je nach Temperament und Grad der Eile.

Mein Nachbar hatte einen Schmutzfleck auf seinem ansonsten blütenweißen Hemd. Er entschuldigte sich bei mir für diesen Anblick. Aber das sei im Keller soeben passiert. Beim Reparieren seines Fahrrades. "Und ich habe ein Problem mit meinem Computer. Der wird immer langsamer." sagte ich. Einfach, um auch etwas zu sagen. Nicht weil ich mit ihm über Computer reden wollte. Seine Antwort lies mich staunen. Ich solle mal das Programm XY aus dem Netz laden und damit die Registry reparieren. Das würde garantiert helfen.

Und plötzlich waren wir bei Thomas More und Jonathan Swift. Dostojewski mochte er mehr als Tolstoi. Als der Fahrstuhl das dritte Mal hoch und runter gefahren war, sprachen wir gerade über 'Die Ärzte'. Auf meinen fragenden Blick hin klärte er mich auf. Das sei eine Popgruppe. Damit wolle er sich bei seinem Enkel einschleimen. Er sagte tatsächlich 'einschleimen' und über sein faltiges Gesicht huschte ein spitzbübiges Grinsen. Er selbst höre gerade 'Celibidaches Einspielungen der Sinfonien von Bruckner'. Das sei mehr was für ihn.

Irgendwie erwähnte ich David Graux. Dass er mein Lieblingsmaler sei. Überrascht und ein wenig verschämt gestand er, dass ein Bild von David Graux über seinem Ehebett hängen würde. Seine Frau hätte es nie so recht gemocht. Aber er würde es öfter denn je anschauen. Mein Blick fiel auf die Uhr. Mehr aus alter Gewohnheit. Ich war wirklich nicht in Eile. Aber er hatte es gesehen. Er müsse jetzt gehen, sein Hemd waschen. Bügeln hasse er.

Er verabschiedete sich mit den Worten: Meine Empfehlung an Ihre verehrte Gattin. So hatte er das in seiner Jugend gelernt. So hatte man das damals gesagt.

Als ich die Grüße meiner Frau ausrichtete, sagte sie: „Ich glaube, dass ist der Mann, dem letzten Monat die Frau gestorben ist.“ „Kennst du ihn?“, fragte ich. „Nein, aber ich habe eine Todesanzeige von einer Frau Irene Hammer gelesen.“, antwortete meine Frau.

Wir beschlossen, Karl Hammer einzuladen. „Aber vorher sollten wir noch was für unsere Bildung tun.“, scherzte ich.

Jorge D.R.

( Unter dem obigen Titel werde ich euch auch in Zukunft in loser Folge ein wenig von Menschen erzählen, auf die ich in der Literatur, der Musik, der Malerei, der Fotografie, beim Reisen, in den Weiten des Netzes oder im wirklichen Leben gestoßen bin. )

Kommentare:

  1. Wundervoll und lebensnah.
    Mache immer wieder die gleichen Erfahrungen, wenn ich innerhalb meines Kunstprojektes "Frei-Räume" mit den Menschen ins Gespräch komme. Jedesmal erlebe ich neue, aufregende Sozialmomente.

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  2. Nachdem ein unbekannter meine blogseite aufgeschlagen und kommentiert hat, war ich neugierig, wer sich dahinter versteckt. Hier bin ich gelandet und bin angenehm überrascht.
    Ja, oft sind es ganz unbedeutende, nichtige Anlässe, die dennoch auf irgendeine Weise ein Gespräch aufkommen lassen und die am Ende sogar etwas Gutes bewirken.
    Wenn ich mehr Zeit habe, schaue ich gern mal wieder herein.
    Liebe Grüße
    Gerti

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  3. Was für ein schönes, spannendes Zusammentreffen, von dem du hier erzählst, Jorge.
    Ich staune auch immer über das immense Wissen und die soziale Kompetenz vieler älterer Menschen. Da wären wohl noch viele "Schätze" zu heben...

    Liebe Grüsse,
    Brigitte

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  4. Eine amüsante Art, Nachbarn kennenzulernen. Wenn daraus mehr wird, weil sich gewisse Berührungspunkte ergeben, kann das der Beginn für eine Freundschaft werden.

    Schön, so mitten aus dem Leben, lieber Jorge.

    Herzliche Grüße, auch an die Frau Gemahlin,
    Anna-Lena

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  5. Man muss den Mut haben Leute auch mal anzureden - anfangs.
    Ich war erstaunt, wie offen die Münchner in der S-Bahn die Leute ansprechen (morgens, wenn sie nicht zu sehr gefüllt ist, siehst du wildfremde Leute miteinander reden)
    Da ich selber ein offener Mensch bin, haben sich schon tolle Kontakte ergeben.
    Gerade letztens erst wieder wurde ich zu einer Lesung eingeladen.
    Ihr Buch war gerade herausgekommen.
    Haiku!
    Passt doch oder?

    Liebe Grüße
    Barbara

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  6. Hm, ein ganz schön breites Themenspektrum in der Unterhaltung. Und das im Fahrstuhl und nicht bei einem 2 stündigen Cafébesuch. ;-)

    Die Musik oben und das Video sind ganz zauberhaft, lieber Jorge D.R.!!

    ..grüßt Monika

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  7. oft ist eine kurze Begegnung der Klebstoff für lange Verbundenheit,
    lg
    Karl

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  8. Eine schöne und bildungsreiche Momentaufnahme ist dir da gelungen!
    Ja, wenn man erst mal ins Gespräch kommt, dann ist vieles möglich...

    Auf gute Nachbarschaft!

    Liebe Grüße ins Wochenende hinein - Donna

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  9. Ich denke, wenn man es nicht selbst schafft, auf die Menschen in den Blocks zuzugehen, wird man sie nie kennenlernen. Jedem fällt es schwer, den ersten Schritt zu tun, bzw. das allererste Wort an den unbekannten Nachbarn zu richten. Dabei könnte das Miteinander eine große Bereicherung sein, wie hier bei Dir, Jorge!
    Gute Idee, kleine oder größere Aufsätze über Begegnungen zu verfassen.
    Lieber Gruß von Bruni

    Vieles, sehr vieles, hast Du in dieses erste Gespräch hineingepackt ...

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  10. Hallo Jorge
    Da kann ich nur zustimmen
    manchmal muss man auch auf Menschen zugehn, aber in diesem Fall hier ist eine Kommunikation schon vorgelant, in einem Fahrstuhl ist das sehr gut möglich.
    Manchmal wird eine Freundschaft daraus, manchmal dient es auch nur dazu endlich zu wissen wer denn so mit einem im selben Haus wohnt.

    ich finde deine "Serie" hier ganz toll und lese das immer wieder sehr gerne

    Danke dafür

    ich drück dich
    Sterntalerchen

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  11. mach weiter, jorge. mich interessieren die geschichten von menschen auch immer. meine offenheit steht der deinen, oder schreibt man deinigen, nicht hinterher.
    ich gehe einmal in der woche fisch essen. da geschehen auch immer diese begegnungen. beschlossen habe ich es schon lange, nordsee-geschichten aufzuschreiben. eben, weil sie mir in der nordsee, dem fischgeschäft, entgegenfliegen. wenn sie nicht gleich aufgeschrieben werden, entschwinden sie.
    ich werde morgen damit beginnen.
    danke, karl, ich habs mit interesse und neugier gelesen. und sieh mal zu, dass du noch etwas für deine bildung tun kannst...

    rosadora

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  12. Sehr schön. Ich mag die Gentlemen der alten Schule sehr. Diese Umgangsformen sind so selten geworden.

    Vielen Dank für deine nette Geschichte. Und auch ich hoffe sauf mehr.

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  13. erinnert mich sehr an eine geschichte, die ich vor wenigen wochen im synchronuniversum lesen durfte.
    erlebnisse und geschichten, die hoffnung spenden.
    rumpelchen

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