Samstag, 30. April 2016

R.I.P.

Mit allen Sinnen
(gewidmet Monika Kafka)

Im Lufthauch
eines fernen Echos
höre ich deine Worte

Im Spiegelbild
eines Tautropfens
erkenne ich dein Lächeln

Im Sternenlicht
eines Zeitensprungs
ertaste ich deine Seele

In der Brandung
einer Meereswelle
rieche ich deine Kühle

In der Würze
eines Herbsttages
schmecke ich deinen Geist

In der Wärme
unseres Traumtuchs
spüre ich deine Nähe

Liebe Mo,
ich habe gesucht, aber ich finde einfach keine neuen Worte, meine Trauer zu beschreiben. Ich denke oft an dich. Wie gerne wäre ich weiter dein Schüler gewesen. Noch eine kleine Zeit lang. Ich hätte noch vieles von dir gelernt. Vielleicht würde ich heute sogar ein wenig besser verstehen, was Leben heißt. Aber so bin ich einfach nur traurig.

Dein Jorge D.R.

Monika Kafka, Schlüsselworte

Donnerstag, 28. April 2016

Gemeinsame Wege

Der Abend senkt sich auf
ein verschlungenes Leben.

Mein Blick wandert
von Stern zu Stern.

Bei jedem schaue ich,
was du geschrieben hast.

Die Worte sagen mir,
wer du gewesen bist.

Deine Lücken fülle ich
mit meiner Erinnerung.

Auf der Suche nach Heimat
altert mein Gedicht.

Aus der weiten Senke steigt
langsam die Morgensonne.

Ich öffne die Augen
und sehe dich lächeln.
© Jorge D.R. 2016

Samstag, 2. April 2016

insel im fluss

mit dir
mitten im fluss
noch einmal
der versuch
leben festzuhalten
ungesagtes
zwischen den zeilen
in worte fassen
glückstropfen zählen
mit dir
meiner insel
im fluss

© Jorge D.R. 2016

Donnerstag, 24. März 2016

lachfalten

auf der suche
nach einem wort
gegen die angst

traf ich dich
am leeren rand
einer weglosen ebene

um deine augen
in lachen gefaltete
hoffnung

© Jorge D.R. 2016

Sonntag, 20. März 2016

sonnenuntergang

westliches rot
zerfließt in den abend
feuerzauber
füllt den himmel
die blüte schließt sich
ein traum beginnt

© Jorge D.R. 2016

Montag, 14. März 2016

"was die seele nährt"

Heute vor zwei Jahren schrieb Monika Kafka dieses Gedicht.
Es waren ihre letzten Zeilen.
Ich kann Monika Kafka nicht vergessen.
Sie war eine Mentorin für mich.
Ein Mensch, von dem ich viel gelernt habe.
Eine Frau, die ich verehrt habe,
obwohl ich sie nur über das Internet kannte.

Das Gedicht wurde auf ihrem Blog veröffentlicht:

was die seele nährt

Langsam schwindet die Trauer in mir.
Ich lese ihre alten Gedichte.
So viel Schönes mäandert
über meine Seele.
Es wird bleiben.
So lange ich lebe.

Jorge D.R.

Freitag, 4. März 2016

Vertrautheit

Im Glück still sein,
Geben und Nehmen genießen.

Das warme Lächeln
bis unter die Haut lassen.

Aus verlorenen Worten
ein neues Gedicht machen.

Über bebender Erde
einfach fliegen.

In der Kälte des Winters
auf das Frühjahr warten.

Auch im Verlorensein
im Anderen Heimat finden.

© Jorge D.R. 2016

Samstag, 20. Februar 2016

bitte

wenn wir
das unsichtbare
sehen

wenn uns
das undenkbare
begegnet

dann stirb vor mir
nur eine kleine gegenwart
früher

ich will nicht
dass du das bett neben dir
leer siehst

© Jorge D.R. 2016

Sonntag, 14. Februar 2016

Zichorie Zauber

Manche Dinge kann man lernen. Zum Beispiel Programmieren. Andere Dinge kann man, oder man kann sie nicht. Gabriele Pflug gehört zu den Könnern. Man spricht gemeinhin auch von Begabung.

Ich war immer beeindruckt von der Kraft ihrer Worte, ihrem Einfühlsungsvermögen und ihrer sprachlichen Klarheit. So manches von Gabrieles Gedichten hat mich derart verzaubert, dass ich sie mir mit Papier und Bleistift noch einmal notiert habe - nur, damit "das Lesen" langsamer ging.

Allerdings war es schwierig, an Texte von Gabriele Pflug heranzukommen. Das hat sich geändert. Gabriele Pflug, alias Wegwarte, hat einen eigenen Blog mit dem geheimnisvollen Namen Zichorie Zauber. Die Adresse ihres Blogs lautet:


Zichorie Zauber

Gabriele hat mir erlaubt, eines ihrer Gedichte hier in Traumtuch zu veröffentlichen.



ruhe

wenn manchmal
die schlaflosigkeit
sich von meiner seite löst

steht sie nächtelang
vor dem fenster
und starrt hinaus

ihr kehlgesang dunkelt
alle wörter ein
bis sie verschwinden

morgens legt sie mir
das wort ruhe
vor die füße

© G.P.2016

Montag, 8. Februar 2016

hier und dort

ich war hier
wo sich die zeit
im augenblick versteckte
und die leute vorbei gingen

dort war ich auch
weißt du noch
als ich zu spät kam
und deine tasse leer war

dein lächeln hatte
einen abdruck hinterlassen
in meinem gedicht über
sehnsucht und das leben

© Jorge D.R. 2016